06-10-17 - if

Interdisziplinärer Forschungsverbund
Digital Humanities in Berlin

06. Oktober 2017 - Christian Thomas (BBAW, HU Berlin): In die Tiefe gehen: Lektüre- und Nutzungsmöglichkeiten digitaler Repräsentationen historischer Textzeugen.

Folien: http://slides.com/christianthomas/dhbbaw-koll-cthomas-2017-10-06/#/.

Abstract: Der Vortrag gibt zunächst einen Einblick in die Erstellung TEI-XML-basierter Text-Editionen mit einem Fokus auf Handschriften des 19. Jahrhunderts (am Beispiel der Nachschriften zu Humboldts Kosmos-Vorlesungen 1827/28 in Berlin). Anhand dessen wird erläutert, inwiefern sich die Repräsentation historischer Textzeugen im Zuge des Medien- bzw. Paradigmenwechsels von printorientierten Formaten hin zu genuin digitalen Editionsformen verändert. Dies hat zum einen Auswirkungen auf Produktionsseite, d.h. auf die editorische Praxis, vor allem aber – und hierauf wird der Schwerpunkt des Vortrags liegen – auf die Rezeptionsseite: Digitale Edition müssen nicht nur anders konzipiert und produziert, sondern auch anders gelesen werden, will man das Potential der (in der germanistischen Editionsphilologie teilweise immer noch:) ‚neuen‘ Medien ausschöpfen.

Die Editionspraxis schreitet von der linearen Auszeichnung textoberflächlicher Phänomene bzw. deren an- oder nachgelagerter diskursiver, spezifischer Beschreibung weiter in Richtung standardisierter, formalisierter Annotation, die in die mehrdimensionale, vielschichtige Tiefe des Textzeugen führt. Für die LeserInnen bzw. NutzerInnen der Edition bedeutet dies zum einen Zugewinn an Auswertungs- und Untersuchungsmöglichkeiten, von denen einige im Vortrag vorgestellt werden. Zum anderen führt die größere Flexibilität und Offenheit digitaler Repräsentationsformen zu einer Zurücknahme autoritativer Lektürevorgaben. Abhängig von den eigenen Erwartungen an eine wissenschaftliche Edition, dem eigenen Textbegriff sowie der eigenen (Medien-)Kompetenz im Umgang mit den verfügbaren Lektürehilfen (d.h. z.B. Apparaten und Analyse-Tools) und der mehr oder weniger leicht zugänglichen Präsentationsform der Edition (d.h. dem analogen oder digitalen Interface als Mittler) fühlt sich die LeserIn bzw. NutzerIn der Edition alleingelassen in einem verwirrend komplexen Zeichenwald oder bewegt sich, befreit von der Bevormundung durch den Editor, auf eigenen, produktiven Lektürewegen durch die Textrepräsentation.

Zeit und Ort: 06.10.2017 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften,
Jägerstr. 22/23, 10117, Konferenzraum 1